Lerncase · Hickethier X · KI in der Praxis

Viel Aufwand.
Alles manuell.
Und dann die
eigentliche Frage.

Ein authentischer Fall. Eine neue Dozentin, intensive KI-Nutzung — und trotzdem das Gefühl, alles selbst tragen zu müssen. Was dahintersteckt, welche Tools wirklich helfen und wo der eine Hebel liegt.

Person
Neue Dozentin. Erster Durchlauf. Coaching-Format.
Problem
KI intensiv genutzt — Entlastung trotzdem nicht spürbar
Erkenntnis
Die falsche Frage wurde gestellt
Weiter

Ein vertrautes Gefühl —
für alle, die KI ernsthaft nutzen

Der Fall ist kein Sonderfall. Er passiert überall, wo Menschen KI einsetzen, viel in Werkzeuge investieren — und sich dann wundern, warum trotzdem alles an ihnen hängt.

„Ich bin immer noch bei einem manuellen Prozess und muss mir selber total viel merken. Ich habe aus meiner Sicht viel Aufwand betrieben für die Vorbereitung von zwei Dozenten-Sessions."

Ausgangssituation — authentisches Zitat

Was vorhanden war: Regiebücher, Foliensätze, ein detailliertes Arbeitsdokument, eine durchdachte Semesterstruktur. Was fehlte: eine einzige Seite. Nicht mehr Inhalt — eine andere Art, das Vorhandene zu organisieren.


Was wirklich passiert ist —
in drei Phasen

Dies ist keine Fehleranalyse. Es ist ein Erkenntnisweg, der für jeden gilt, der kognitive Arbeit an KI übergeben möchte — und noch nicht weiß, wie.

1
Chaos

Viel gebaut. Trotzdem alles im Kopf.

Alle Entscheidungen existieren. Alle Dokumente liegen vor. Das Semester ist strukturiert, die Didaktik ist klar. Aber das Wissen ist verteilt: auf Dokumente, auf vergangene Chats, auf implizites Erfahrungswissen — und auf den Kopf der Dozentin.

Für sie ist das integrierbar. Für ein System ist es Chaos. KI kann nicht auf etwas zugreifen, das sie nie explizit bekommen hat.

2
Druck

Die falsche Diagnose: „Ich brauche ein besseres Tool."

Power Automate. Copilot Studio. Agenten. Alles klingt nach Lösung, weil es nach Automatisierung klingt. Aber Automatisierung setzt voraus, was noch nicht vorhanden ist: ein explizites Regelwerk, das ein System ausführen kann.

Wer automatisiert, bevor er geklärt hat, was stabil ist — baut eine formal automatisierte, inhaltlich leere Pipeline. Mehr Setup, weniger Wirkung.

3
Wende

Die richtige Frage: Was ist fix — und ist das jemals explizit gemacht worden?

KI nimmt keine kognitive Last ab, solange Entscheidungen implizit bleiben. Nicht weil das Tool nicht gut genug ist. Sondern weil KI ein externes Gedächtnis ist — und kein externes Gedächtnis kann sich merken, was nie übergeben wurde.

Die Wende ist keine technische. Es ist eine epistemische: von „KI hilft mir beim Denken" zu „KI leitet ab, was ich ihr einmalig explizit übergebe".

4
Klarheit

Der Traum war die ganze Zeit realistisch.

„Ich kann der KI sagen: Bereite Session 3 vor. Auf Folgendes musst du achten." — Das ist realistisch. Heute. Mit Copilot Chat. Ohne neues System, ohne Setup-Projekt, ohne Agenten.

Was es braucht: ein einziges wiederverwendbares Übergabeformat. Einmal formulieren — jede Woche verwenden. Das ist der gesamte Invest.


KI wurde eingesetzt,
bevor der Prozess externalisiert war

Das ist der systematischste Fehler beim KI-Einsatz — und gleichzeitig der häufigste. Er betrifft nicht Kompetenz, sondern ein Missverständnis darüber, was KI grundsätzlich leistet.

01

KI ist kein Denkpartner. KI ist ein Ableitungssystem.

Sie kann aus stabilen Entscheidungen Konsequenzen ziehen, Strukturen reproduzieren, konsistent formulieren, Wiederholungen automatisieren. Aber sie kann nicht wissen, was in deinem Kopf ist — solange du es ihr nie explizit gegeben hast.

02

Mehr Dokumente sind nicht die Lösung.

Regiebücher, Foliensätze, Planungsdokumente — all das ist Artefakt. Kein System weist KI an, wie die Entscheidungen dahinter zusammenhängen. Was fehlt ist kein weiteres Dokument. Es ist ein kanonisches Regelwerk: was ist fix?

03

Automatisierung ist das Ergebnis von Klarheit — nicht ihr Ersatz.

Power Automate für deterministische Prozesse, Copilot Studio für stabile Wissenssysteme — beides richtig, beides zu früh hier. Wer automatisiert, bevor er Klarheit hat, baut Aufwand, keinen Hebel.

04

Neu sein ist kein Nachteil — es ist der richtige Zeitpunkt.

Erster Durchlauf heißt: Inhalte schärfen sich noch, Dynamiken werden erst verstanden, der eigene Lehrstil kalibriert sich. Das ist nicht vorübergehend — das ist der Normalzustand. KI muss damit umgehen können, nicht dagegen.

Die eigentliche Erkenntnis: Zwei Ebenen wurden verwechselt.

Es gibt eine Ebene, die iterativ bleiben darf — und eine, die stabil sein sollte. Wer beide im Kopf trägt, trägt beides manuell. Sobald die zweite Ebene einmal externalisiert ist, nimmt KI echte Last ab.


Lernprozess und
Produktionsprozess sind
nicht dasselbe

Wer beide Ebenen trennt, muss nur eine einmalig externalisieren — und gewinnt die andere als freien Raum zurück.

Ebene A · Darf iterativ bleiben

Lernprozess

Diese Ebene ist nicht automatisierbar — und das ist gut so. Hier passiert das Wesentliche der Dozenten-Arbeit.

  • Inhalte schärfen sich Woche für Woche
  • Beispiele entstehen aus dem, was Studierende zeigen
  • Gewichtungen verschieben sich mit dem Raum
  • Eingriffsentscheidungen bleiben situativ
  • Eigener Lehrstil kalibriert sich kontinuierlich
Ebene B · Sollte stabil sein

Produktionsprozess

Diese Ebene ist vollständig systematisierbar — und hier entsteht die unnötige Last, weil jedes Mal bei Null gestartet wird.

  • Grundstruktur jeder Session (Zeitblöcke, Logik)
  • Übergabeformat von Session zu Session
  • No-Gos und stabile Abgrenzungen
  • Formulierungsregeln und Regiebuch-Logik
  • Übergang zur nächsten Einheit

Sobald Ebene B einmalig externalisiert ist — als Grundgesetz, als Session-Template — übernimmt KI genau diesen Teil. Ebene A bleibt frei. Das ist der Moment, wo Entlastung spürbar wird.


Drei plausible Optionen.
Eine davon richtig — jetzt.

Tools wurden nicht willkürlich ausgeschlossen. Jedes wurde gegen den konkreten Use Case geprüft: einen kognitiven Produktionsprozess in einer lernenden, wöchentlich aktualisierten Umgebung.

Nicht passend

Power Automate

Perfekt für deterministische Abläufe, Event-Trigger, Dateioperationen. Kein sinnvolles Handling von langem, weichem Kontext.

Ergebnis wäre: formal automatisiert, didaktisch tot. Mehr Setup als Nutzen.
Nach Durchlauf 2

Copilot Studio

Richtig für stabile, wiederholbare Use Cases mit fixem Regelwerk. Braucht eine Wissensgrundlage, die im ersten Durchlauf noch entsteht.

Zu frühe Normierung schließt didaktische Flexibilität aus. Richtig — aber nicht jetzt.
Jetzt richtig

Copilot Chat

Kein Setup, kein Projekt. Zustandsfähig, dialogisch, iterativ korrigierbar. Wächst mit dem eigenen Wissensstand mit.

KI als Produktionspartner: die Dozentin entscheidet — KI leitet ab, strukturiert, formuliert.

So sieht es aus,
wenn es funktioniert

Kein neues System. Kein Setup-Projekt. Ein strukturierter, wöchentlich fast identisch wiederverwendeter Dialog — mit frischem Stand, ohne neu erklären zu müssen.

Wöchentlicher Session-Prompt · Copilot Chat Wird fast identisch jede Woche verwendet
Wir bereiten Session 3 vor. ──────────────────────────────── Stand nach letzter Session (verbindlich): Experience-Situationen pro Gruppe sind final Erfahrungsraum v1 existiert Gentile-Dimensionen wurden gewählt ! Einige Gruppen verwechseln Experience noch mit Maßnahmen No-Gos (weiterhin aktiv): keine Journey · keine Touchpoints · keine Kampagnen ──────────────────────────────── Ziel dieser Session: Customer Journey als Struktur einführen Journey aus Erfahrungsraum ableiten — Folge, nicht Startpunkt Erste Journey-Version v1 je Gruppe Bitte erstellen: 1) Agenda mit Zeitblöcken 2) Regiebuch in meiner Stimme 3) Folienslots — keine ausgeschriebenen Inhalte 4) Übergabe zu Session 4 explizit formulieren
„Stand nach letzter Session" ist der eigentliche Hebel
Dieser Block macht implizites Wissen explizit. Was bisher im Kopf war, wird einmalig übergeben — und danach nicht mehr getragen.
Details müssen nicht vollständig sein
KI braucht Zielrichtung, kein vollständiges Wissen. Was die Session leisten muss, reicht — Struktur, Sprache, Konsistenz werden abgeleitet.
No-Gos werden übergeben, nicht neu erklärt
Didaktische Grenzziehungen akkumulieren. Sie müssen nicht jede Woche neu formuliert werden — sie bleiben aktiv.
Übergabe zu Session 4 ist Ableitungsarbeit
Der Übergang wird nicht gedacht, sondern konsequent gezogen. Das ist der Teil, der bei manueller Arbeit am meisten kostet.

Sechs Prinzipien aus
einem ehrlichen Fall

Diese Erkenntnisse gelten nicht nur für Dozentinnen. Sie gelten für jeden, der KI für kognitive Arbeit einsetzt — und sich wundert, warum es sich immer noch manuell anfühlt.

Der Ausgangspunkt dieses Falls ist kein Versagen. Es ist exakt die richtige Schwelle — der Moment, in dem implizites Wissen bereit ist, explizit zu werden. Der nächste Schritt ist nicht mehr Aufwand. Er ist eine einzige Seite.

Stufe 1
Ad-hoc-Prompts ohne Kontext
Stufe 2
Prompt-Templates — gleiche Struktur, manueller Kontext
Stufe 3 · Dieser Fall
Strukturiertes Übergabeformat + wöchentlicher Arbeitsdialog. KI als Produktionspartner.
Stufe 4 · Nächstes Semester
Copilot Studio mit stabilem Grundgesetz, dynamischer Kontextladung, festen Prüfroutinen